Ein Hoch auf Mala

Es ist nicht das, wonach es aussieht.


Verfallen und einsam steht er da. Still und stolz trotzt er den wiederkehrenden Wellen und Gezeiten. Ein Relikt einer besseren Zeit – wie so vieles im Mala Island Resort. Der Pfeiler, der bei Flut kaum noch zu sehen ist, ist ein Überbleibsel eines ehemaligen großen Stegs. Früher müssen die Boote daran angelegt haben und wahrscheinlich muss man anschließend sogar vom Boot aus mit einer Leiter auf den Steg gelangt sein. Zumindest bei den kleinen Motorbooten, die weiterhin die Hauptinsel mit Mala Island verbinden. Früher konnten bestimmt auch die größeren Walbeobachtungsboote an diesem Steg anlegen und die Gäste abholen. 


Dies ist jetzt alles anders. Hinter dem einsamen Pfahl steht am Inselrand ein restlicher Bestandteil des Stegs. Boote legen hier schon länger nicht mehr an. Stattdessen wird das Bootanlegen auf die einheimische Art gehandhabt, so wie es auch auf den touristenfreien Nachbarinseln gelebt wird: Die kleinen Motorboote fahren bis auf den Strand und die Insassen hüpfen ins seichte Wasser, um an Land zu gelangen. Die größeren Walbeobachtungsboote steuern Mala Island weiterhin an, um die Gäste abzuholen. Allerdings bleiben sie im tieferen Wasser stehen und warten. Ihr Mororengeräusch ist bereits Meilen zuvor hörbar, sodass ohne weitere Absprache das auf Mala Island stationierte kleinere Motorboot die Gäste pünktlich und sicher zum größeren Boot bringen kann. Meistens zumindest. Manchmal kommt das größere Boot später als gedacht, manchmal muss das größere Boot etwas länger warten. Aber was ist schon Zeit? Hier auf Tonga sind es das uhrenlose Lebensgefühl und die Abgestimmtheit zwischen Tag und Nacht, Wachen und Ruhen, die das Urlaubsgefühl erst richtig aufkommen lassen und zum Abschalten und Verschnaufen einladen. Relativ ist auch die Zuverlässigkeit von Maschinen. Nicht selten – oder besser gesagt – mit einer schweizerischen Regelmäßigkeit versagt der Motor der Boote. Und dies gilt demokratisch für alle Boote: Sei es der Motor des kleinen Bootes, welches mich gerade zum Walbeobachtungsboot bringt, sodass mir kurzentschlossen die Ruder in die Hände gedrückt werden, oder sei es der Motor des Walbeobachtungsbootes, welches am ersten Waltag meines Mannes kaputt geht, sodass er mehr als drei Stunden auf hoher See und in der Mittagssonne warten musste, während die Wasservorräte langsam zu neige gingen.


Verfallen und einsam steht auch das Mala Island Resort auf der eigenen Privatinsel Mala. Notdürftig werden kleinere Schäden repariert, z.B. wird das löchrige Fliegennetz mit Tape verarztet. Fließendes Wasser gibt es meistens nur aus dem Wasserhahn. In der Dusche hat man eher ein tröpfelndes Duschvergnügen, zumindest wenn man auf warmes Wasser hofft – und nicht selten wird man mit kaltem Wasser belohnt. Die gesamte Einrichtung und besonders die Betten sind sehr verwohnt und – wenn es gerade windstill ist oder der Ventilator still steht bzw. nicht existent ist – verfängt sich ein muffiger Geruch in der Nase. Nein, einladend ist das Ganze nicht.


Ganz anders wirkt das auf der Nachbarinsel gegenüber gelegene Resort, auf das man am Strand liegend und in der Sonne badend einen ausgesprochen guten Blick hat. Derzeit in der Hand eines Österreichers – vorher von einem Passauer erbaut – erstrahlt es in einem 5-Sterne Reisezeitschriften-Luxus: Breite Veranda mit weißen Außenpolstern, Hängematten und feinen, weißen Sonnenschirmen, sauber und geräumig aussehenden Appartments und einem – wer hätte es anders gedacht – breitem und ordentlich gesäumten Steg.

Dennoch bin ich froh, dass wir nicht unserem inneren Fluchtreflex folgten, als wir hier im „falschen“ Ressort ankamen. Natürlich, die wunderschöne Natur mit dem funkelndem Meereswasser und dem für Tonga berühmten Schnorchelspot „Japanese Garden“, teilen sich beide Ressorts gleichermaßen. Was aber das Mala Island Resort zum Ziel aller Tonga-Reisenden machen sollte, sind die Menschen. 

Der US-amerikanische Besitzer mit osteuropäischen Wurzeln zahlt seinen tonganesischen Mitarbeitern faire Löhne und geht respektvoll mit ihnen um. Beides keine Selbstverständlichkeit, wie eine Tonganesin meint, die vor langer Zeit in dem gegenüber liegendem Ressort gearbeitet hat. Auch zwischen den Angestellten ist die Stimmung stets fröhlich und freundlich. Besonders um Valerie kümmern sich alle wie ganz selbstverständlich und ermöglichen uns auch mal die ein oder andere Zeit allein z.B. beim Essen – ein Luxus, der uns vor Valeries Geburt gar nicht als solcher bewusst war. Das Essen ist überhaupt auch ganz hervorragend. Jeden Tag dürfen wir eine neue tonganesische Spezialität probieren – besonders angetan haben es uns der Hummer sowie Fisch in allen Variationen; auch roh. Wer hingegen lieber österreichische Spezialitäten genießen will, nutzt das Ressort gegenüber oder fährt für „internationales“ Essen (Pizza, Hamburger, Pommes) auf die Hauptinsel – tonganesisches Essen hingegen sucht man dort vergeblich.


Ein Phänomen ist auch Nesha, der Eigentümer des Mala Island Resorts. Wenn es auf der Hauptinsel mal wieder an allem knapp wird, weiß er stets, wo er es trotzdem kaufen kann. So haben wir z.B. regelmäßig Eier und Papaya – beides Mangelware. Selten ist auch Benzin, was besonders für die Motorboote notwendig ist. Irgendein findiger Geschäftsmann – um nicht Berater zu sagen 🙂 – hat ausgerechnet, dass die bisherigen Tankschiffe zu klein sind und der Umsatz bei größeren Schiffen besser wäre. Also wurden die kleinen gegen größere Schiffe ausgetauscht. Mit dem Ergebnis, dass die größeren Schiffe nicht mehr alle Inseln problemlos ansteuern können und viele bewohnte Inseln nun entweder über ein kompliziertes Umladeverfahren in Fässer beliefert werden oder eben gar nicht mehr. Doch auch dies kann Nesha nicht erschüttern. Auch nicht das ständige und leere Versprechen der Telekommunikationsbranche, die Geschwindigkeit des Internets zu verbessern. Meistens gibt es keine stabile Internetverbindung, weswegen auch unsere Blogartikel selten dann publiziert werden, sobald sie verfasst sind.

Nesha – gemeinsam mit seiner Familie und den Angestellten, die eigentlich auch eher wie Familienmitglieder behandelt werden – trotzt diesen Widrigkeiten mit einem breiten Lächeln und versucht, dass sich jeder Gast mit all seinen individuell unterschiedlichen Bedürfnissen auf Mala Island wie zu Hause fühlt. Seine Gastfreundschaft ist schier unendlich. Nicht selten würden die Gäste am Ende ihres Aufenthalts am liebsten länger bleiben. Den Abschiedsschmerz versüßt Nesha in solchen Momenten gerne mit großzügigen Preisnachlässen oder Tauschangeboten – z.B. erlässt er einfach alle Mahlzeiten für eine Taucherlampe.
Tonga ist ein Entwicklungsland, dies muss einem bewusst sein. Aber das Land belohnt die weite Anreise seiner Gäste mit einer grandiosen Natur und – zumindest im Mala Island Ressort – mit herzlichen und äußerst gastfreundlichen Menschen. Wir zumindest sind bereits ein Teil ihrer Familie geworden und sie ebenfalls ein Teil unserer. 

Danke!